Weil jeder Flug mit einem Sprung beginnt
Ob die Motivation hinter dem Laussafall tatsächlich Wunsch oder doch mehr Bedürfnis nach „Hinter-Sich-Bringen“ ist, kann uns wohl nur Lorenz selbst erzählen. Bei mir hingegen halten sich Vorfreude und gesunde Skepsis die Waage. Einerseits freue ich mich auf die Gelegenheit eine offene Rechnung zu begleichen, allerdings fürchte ich auch, dass der Laussafall 2:0 in Führung gehen könnte. Dennoch, wenn wir schonmal alle hier sind, darf man die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen. Unabhängig von meiner persönlichen Fede hätten wir Lorenz den Laussafall ohnehin nicht allein bezwingen lassen.
Als wir am Wasserfall ankommen, ist der Nachmittag bereits weit fortgeschritten. Die gesamte Felsschlucht liegt bereits im Schatten. Das Wetter ist zwar freundlich und warm, dennoch erweisen sich das restfeuchte Neopren und der halbleere Magen als sind nicht unbedingt motivationsfördernd. Lorenz bleibt unbeirrt und schleppt seinen Creeker bereits Richtung Abgrund. Ich schnappe meine Ausrüstung und folge ihm. Florian komplettiert das Trio. Fiona übernimmt die Wurfsackrettung und Marcel sichert vom Boot aus.
Als wir die Abseilstelle erreichen, dröhnt uns bereits das Rauschen des Wasserfalls entgegen. Das eben noch leichte Magenknurren wird beim Anblick der Anfahrt bereits vom erhöhten Adrenalinpegel unterdrückt. Trotz mehrerer Baumhindernisse in der Linie beschließen wir die Sicherung aufzubauen. Anwesende Passanten haben in Erwartung eines Spektakels bereits auf der Fußgängerbrücke Stellung bezogen, als ich mich zur Einstiegsstelle abseile.
Unten angekommen werfen wir erneut einen kritischen Blick auf die Anfahrtsspur und diskutieren mögliche Linien und unsere Reihenfolge. Da ich nicht als Letzter auf dem Felsvorsprung ausharren möchte biete ich mich als Vorläufer an. Meinen Mitpaddlern gegenüber argumentiere ich damit, dass ich von unten filmen könnte. Mein Vorschlag wird akzeptiert. Ich suche ein letztes Mal Augenkontakt zu Fiona und Marcel um mich zu vergewissern, dass die Sichernden bereit und auf Position sind. Dann geht es ins Boot.



Der Start versteckt sich einem schwach ausgeprägten Felsspalt, wenige Meter von der Abrisskante entfernt. Das Rauschen ist noch immer deutlich zu hören, der Blick zur Abrisskante ist aber versperrt und ermöglicht dem nervösen Paddler seine Spritzdecke in relativ entspannter Atmosphäre zu schließen. Ein letzter tiefer Atemzug gefolgt vom Griff zum Paddel und schon schiebt sich das Boot über den Kipppunkt. Es rutscht und plötzlich bekommt es Auftrieb.
Die Baumhindernisse werden strikt nach Plan umschifft und so stehen drei kräftige Paddelschläge zwischen mir und der Abrisskante. Alles scheint perfekt, bis auf die Tatsache, dass ich mich bei den Schlägen verzählt habe. Der letzte kommt zu früh und damit kann nicht mal ansatzweise die Rede von einem Boof sein. Trotz Rückenlage taucht mein Ripper brav aus den Fluten auf es bedarf nur eines minimalen Stützschlages, um das Boot aufrecht zu halten. Der Ausgleich ist geschafft. Kurz darauf begrüßt mich Marcel mit ausgiebigem Jubel. Ich feiere mit einem ausgedehnten Seufzer und bringe mich und die Kamera in Stellung.
Lorenz ist der Nächste. Auch bei ihm geht der letzte Schlag beinahe ins Leere, weshalb die Spitze nicht lotrecht ins Becken taucht. Das Auftauchen hingegen erfolgt aufrecht. Einziger Schönheitsfehler ist der Helm, dessen Kinnschutz durch die Wucht des Eintauchens fast zum Blickschutz wird. Der Jubel fällt bei Lorenz wesentlich lauter aus. Das Schlusslicht übernimmt Florian. Ihm gelingt es als einzigem den letzten Paddelschlag ideal an die Kante zu setzen. Leider nimmt sein Boot dadurch ungewollt Drehmoment auf und er setzt im rechten Winkel zum Wasserfall im Pool auf. Erinnerungen an 2021 werden wach. Das Unterwasser freut sich über die breite Angriffsfläche und befördert Florian in einer Ebene zum Horizont wieder zu Tage. Der anschließende Rollversich gelingt aber souverän.



Dennoch, die Freude ist ob der verpatzten Landung etwas gedämpft. Eine Revanche muss her. Hier und jetzt! Und so beschließt Florian kurzerhand den Laussafall erneut zu bezwingen. Lorenz hat hingegen genug. Er lässt sich seine Feierlaune nicht mehr nehmen und schält sich sichtlich zufrieden aus seinem Trockenanzug. Und ich stehe erneut zwischen den Stühlen. Eigentlich könnte ich jetzt aufhören. Dann würde ich ein gutes Gefühl mit nach Hause nehmen und hätte den Ausgleich erzielt: Einmal Rollen, Einmal Sitzen. Oder aber, ich springe erneut, und gehe vielleicht sogar in Führung.
Es muss am noch nicht vollständig abgeklungenem Adrenalinpegel liegen aber Florians Motivation scheint auf mich überzuschwappen. Der Ansporn scheint so groß, dass ich mich beeilen muss, um mit ihm Schritt zu halten. Der Zustieg vergeht wie im Flug. Die Nervosität ist noch vorhanden, allerdings auf weit niedrigerem Niveau. Dennoch lasse ich es mir nicht nehmen erneut als Erster zu springen. Fast schon übermütig stoße ich mich vom Felsen ab und riskiere beinahe einen Schwimmer, als ich mit nur einer Hand am Paddel vorm ersten Baumhindernis verkante. Nur ein kurzer Schreckmoment, alles ok.
Und diesmal ist es wirklich so. Der letzte Paddelschlag sitzt, das Boot läuft nahezu gerade über die Kante und selbst der Boof ist im Ansatz erkennbar. Selbst die Landung funktioniert ohne Stützen. Da kann selbst ich mir einen kurzen Jubel nicht verkneifen. Bei Florian läuft es erneut nicht ganz nach Wunsch. Auch er muss in der Anfahrt kurz korrigieren und kommt mit zu wenig Schwung an die Kante. Das Boot sticht kerzengerade nach unten, legt unter Wasser den Rückwärtsgang ein und schiebt ihn unverändert an Ort und Stelle wieder senkrecht nach oben. Die Freestyle- Einlage gipfelt in einer weiteren souveränen Rolle.



Diesmal hat aber auch Florian keine Lust mehr auf einen weiteren Anlauf. Die Sonne steht tief, die Mägen sind leer und das Schnitzel bei der Grabnerin scheint bereits in greifbarer Nähe. Eine knappe Stunde später sind wir bereits bei der Nachspeise angekommen. Der Tag war lang und das zeigt sich. Die Erschöpfung gepaart mit dem ein oder anderen Glas Bier sorgt für teils bizarre Szenerien. Mohnnudeln werden wettkampftechnisch im Ganzen geschluckt während Unstimmigkeit darüber herrscht, ob man die Thrombose des Sitznachbarn nicht einfach mit dem Fingernagel wieder reindrücken könne.
Spoileralarm: Es wurden an diesem Abend weder medizinischen Eingriffe vorgenommen noch musste ein Heimlich-Manöver angewendet werden.
Euer Paddelclub Pernitz
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Pfingstpaddeln 2023
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